Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Branche werden immer spürbarer. (Foto: Lightspring / Shutterstock.com)

Analyse

Wie das Coronavirus das Möbel-Business ins Stocken bringt

Ein 150 Nanometer ­großes­ Viruspartikelchen setzt der Global Economy zu. Da die Wirtschaft nichts mehr hasst als Unsicherheit, sind die Fragen die das Coronavirus aufwirft, ein lähmendes Gift für den internationalen Handel.

Der Warenverkehr stottert bereits: „Die infolge der zuletzt steigenden Infektionszahlen in einigen Regionen Chinas restriktiven behördlichen Anordnungen führen zu verlangsamten Zollabfertigungen und deutlichen Lieferverzögerungen“, informiert der Bundesverband Spedition und Logistik. Aufgrund der vielen Flugannullierungen steht momentan nur noch die Hälfte des ursprünglichen Frachtraums zur Verfügung. Das treibt wiederum die Kosten, die in der Regel von den Auftraggebern getragen werden müssen. Die Epidemie fällt unter höhere Gewalt. Eine Blitzumfrage der Kloepfel Group unter deutschen Fach- und Führungskräften hat ergeben, dass knapp 20 Prozent Angst vor Produktionsstillstand haben, gut 40 Prozent müssen Projekte verschieben, was zu Mehrkosten führen wird.  

Längst hat das Virus auch die Möbelbranche infiziert. Die Organisatoren der Design Shanghai, der Ciff sowie der Interzum Guangzhou haben vorsorglich den Stecker gezogen und wollen ihre Veranstaltungen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Betroffen sind mehrere Tausend Aussteller. Für die Möbelimporteure fällt der Frühjahrs-Input so auf jeden Fall aus.

Die Light & Building hat heute eine empfindliche Absage von Signify (ehemals Phlipps Lighting). bekommen. „Obwohl wir uns sehr darauf gefreut haben, unsere Kunden zu treffen und unsere neuesten Innovationen auf der Light + Building zu präsentieren, möchten wir dazu beitragen, das Risiko einer weiteren Verbreitung des Virus einzudämmen“, so Eric Rondolat, CEO von Signify. Auf der Mailänder Möbelmesse gibt es zwar keine Aussteller aus China, aber die Italiener befürchten einen Besucherschwund, vor allem aus der Volksrepublik. Im letzten Jahr zählte der Salone del Mobile rund 30.000 Chinesen, die damit die größte ausländische Besuchergruppe stellten. Und nach den Geschehnissen des letzten Wochenendes sind die Rahmenbedingungen für den Salone noch einmal andere geworden.

Auf der Ambiente waren die Auswirkungen bereits greifbar: Die meisten deutschen Einkaufs­delegationen der Lebensmittel-, Kaufhaus-, und Möbel-Multis ließen die Weltleitmesse aus Sicherheitsgründen­ komplett sausen. Die Industrie muss dieses Defizit in den folgenden Wochen ausgleichen und ihre Außendienste in die Handelszentralen schicken, um die Sortimente auf den Weg zu bringen. Ob Großlieferanten wie beispielsweise die Groupe SEB, die auch in einer Fabrik im Corona-­Epizentrum Wuhan produziert, uneingeschränkt lieferfähig sein werden, ist derzeit nicht vorhersehbar.

Dass unsere Branche von den aktuellen Geschehnissen besonders­ betroffen ist, verwundert nicht: China steht unangefochten auf Platz 2 der deutschen Lieferländer. Das Einfuhrvolumen liegt bei knapp zwei Mrd. Euro und kommt damit auf einen Anteil von 15 Prozent aller Möbelimporte. Insbesondere Polstermöbel, Stühle und Konsumgüter werden in der Volksrepublik gefertigt. Im Vergleich mit dem gesamten deutsch-chinesischen Außenhandel ist das ein hoher Wert, denn bezogen auf alle deutschen Einfuhren stammen nur fünf Prozent von dort.

Als einer der ersten hat Natuzzi Lieferverzögerungen angekündigt. Vorerst um drei Wochen, da die Fertigung in China nach dem dortigen Neujahrsfest eine Woche länger geschlossen war. Und die Auswirkungen ziehen weitere Kreise: Auch die Produktion in Rumänien ist aufgrund fehlender Teile asiatischen Ursprungs gestört. Ein paar Tage zuvor hatte bereits Electrolux vor Lücken in der Lieferkette gewarnt. Das ist die globale Möbelwelt. Wer sich wundert, warum die Sars-Epidemie 2002/2003 nicht solche Wellen geschlagen hat – ganz einfach: Chinas Wirtschaft war damals noch längst nicht auf so hohem Niveau international verflochten.

Strukturell gesehen könnte die europäische Möbelindustrie gestärkt aus der Situation hervorgehen. Heimische Produkte liegen auch in puncto Nachhaltigkeit im Trend, wie die Messen zum Jahresstart ausnahmslos gezeigt haben. VDM und DGM arbeiten zudem gerade an dem neuen Gütesiegel „Möbel made in Germany“, das durch die aktuelle Entwicklung richtig Fahrt aufnehmen könnte. In einem von Prognos erstellten Szenario, das eine Halbierung des chinesischen Wirtschaftswachstums sowie dementsprechende Produktionsausfälle annimmt, heißt es: „Von diesen Lücken auf anderen Märkten können die deutschen Exporteure profitieren.“

Für die Industrie ergeben sich somit Chancen, der Handel ist wiederum in anderer Hinsicht gefordert. Denn außer Frage steht, dass es für einige Möbel-Segmente beziehungsweise für einige Preis­bereiche kaum nicht-chinesische Anbieter gibt, weshalb die Einkäufer dazu gezwungen sind, sich ihre Sortimentsstruktur sehr genau anzuschauen. Als gäbe es nicht schon genug Herausforderungen. Aber gegen höhere Gewalt ist noch kein Kraut gewachsen.

 

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