Die beiden EMV-Geschäftsführer Felix Doerr (l.) und Ulf Rebenschütz machen sich in Corona-Zeiten für ihre Gesellschafter stark.

EMV

„Unsere Gesellschafter empfinden die irrationalen Entscheidungen der Politik als diskriminierend“

Die Gesellschafter im Europa Möbel Verbund haben sich minutiös auf die Wiedereröffnungen nach dem Lockdown vorbereitet. Dementsprechend positiv fällt das Résumé in Nordrhein-Westfalen aus. Gleichzeitig wächst der Unmut über die Politik, die mit ihren Entscheidungen in den letzten Wochen nach Auffassung des EMV ein Regel-Wirrwarr und einen föderalen Flickenteppich hervorgerufen hat. Der Widerstand des Möbelmittelstands wächst, wie die beiden Geschäftsführer Felix Doerr und Ulf Rebenschütz im Interview erklären.

möbel kultur: Herr Rebenschütz, wie sind die ersten Kundenreaktionen bei Ihren Händlern nach der Wiedereröffnung in der vergangenen Woche?

Ulf Rebenschütz: Wenn wir zunächst mal NRW betrachten, weil dort alle Flächen wieder öffnen durften, war die Resonanz dort erfreulicherweise etwas besser als erwartet. Die Frequenzen waren im Bereich normal bis gut. Die Kunden, die kamen, kauften auch. Mit anderen Worten – Kunden, die Ihren konkreten Bedarf decken wollten, waren in der Frequenz stark, Schaukunden, die zum Bummel oder zur Inspiration kommen und  für das zukünftige Geschäft wichtig sind, waren leider Fehlanzeige. Umsatztechnisch war in NRW der überwiegende Teil der Händler aber zufrieden bis sehr zufrieden. Die mittelständischen Häuser bis 10.000 qm taten sich dabei etwas leichter.

In den Bundesländern mit der 800-Quadratmeter-Regelung lief es ähnlich, insbesondere das Küchengeschäft hat nach wie vor gute Zugkraft. Die weitere Entwicklung bleibt natürlich abzuwarten.

möbel kultur: Herr Doerr, beobachten Sie, dass die Kunden ihre Verhaltensweisen ändern?

Felix Doerr: Die Sensibilität für das Thema Abstand und Hygiene hat eindeutig zugenommen, allerdings ohne einen Anflug von Hysterie. Die meisten Kunden verhalten sich eher gelassen. Die Kunden sind bereits in einer Art Corona-Modus gewesen – viele kamen bereits mit Masken. Tendenziell waren die älteren Kunden etwas unvorsichtiger. Die Ordnungsämter kontrollierten in vielen Fällen und lobten dabei oftmals die umgesetzten Hygienekonzepte.

möbel kultur: Hat es spezielle Aktivitäten zu Neustart gegeben?

Ulf Rebenschütz: Mit klassischer Werbung haben sich die Mitglieder in der letzten Woche zurückgehalten. Über Social Media wurde zwar etwas angeschoben, aber viele unserer Händler setzen Werbung erst in den kommenden Tagen wieder ein. Unsere Inhouse-Agentur PERSPEKTIVE hat die Händler aber mit zahlreichen passenden Motiven zum Restart ausgestattet.Besonders herauszustellen ist, dass eine Reihe von Händlern während der Shutdown-Phase ihre Kunden digital beraten hat, z.B. per Videokonferenz oder Facetime. Auch „Personal Shopping“ wurde von einigen Mitgliedern erfolgreich umgesetzt. Wer solche Aktivitäten umgesetzt hat, konnte den Schaden oft signifikant begrenzen. Wir wissen von Händlern, die es so geschafft haben, die Umsätze des Vorjahres für März und April zu halten.

möbel kultur: Was musste für den Restart noch bedacht werden?

Felix Doerr: Wer die Diskussionen verfolgt hatte, konnte ahnen, dass Schutzmasken obligatorisch sein würden, wenn es zu Lockerungen kommt. Durch unser Beschaffungs-Netzwerk in China waren wir in der glücklichen Lage an Schutzmasken heranzukommen, um unsere Mitglieder im EMV und KSV unverzüglich damit zu versorgen. Bei einer schnellen – auch hier wieder – digitalen Abfrage – kamen innerhalb weniger Stunden Bestellungen von knapp 400.000 Stück zusammen, so dass im Übrigen auch der Preis immer attraktiver wurde.

möbel kultur: Wie kommen die Mitglieder mit den Beschlüssen zu den unterschiedlichen Flächenöffnungen klar?

Ulf Rebenschütz: Unsere Gesellschafter empfinden diese irrationalen Entscheidungen der Politik als diskriminierend. Der entstandene föderale Flickenteppich kommt hinzu. Wir haben beispielsweise nach Vorliegen der Beschlüsse vom 16. April sofort schriftlich in Bayern bei der Staatsregierung interveniert und sogar ein Schutz- und Hygienekonzept für eine Öffnung vorgelegt. Darauf gab es bis dato keine Antwort, stattdessen dürfen Autohäuser öffnen und es geht in der Diskussion schon wieder um Kaufprämien für Neufahrzeuge. Um es freundlich auszudrücken – es fällt schwer dieser Politik zu folgen. Wir haben uns daher entschieden für unsere Mitglieder zu kämpfen und haben in verschiedenen Bundesländern mit Eilanträgen Normenkontrollklagen eingereicht, um die Ungleichheit verfassungsrechtlich prüfen zu lassen. Letztendlich geht es um wirtschaftliche Existenzen und unsere Aufgabe ist es diese am Markt zu erhalten.

Felix Doerr: Nicht dass wir falsch verstanden werden – die Gesundheit und der Schutz von Kunden und Mitarbeitern steht über allem. Aber die Plan- und Orientierungslosigkeit, die durch die derzeitigen Beschlüsse für diese nächste Phase der Pandemie vorliegen, werden das weitere Steuern dieser Krise deutlich erschweren. Wenn heute etwas für die Menschen nicht transparent nachvollziehbar ist, wird die Gefolgschaft bröckeln. Da nützen dann auch die besten Umfragewerte nichts, auf die der eine oder andere Politiker offenbar fokussiert ist.

möbel kultur: Warum gelingt es der Autobranche offenbar besser Gehör zu finden als der Möbelbranche?

Ulf Rebenschütz: Neben der objektiv stärkeren wirtschaftlichen Bedeutung der Autobranche, scheint in der Führung der Politik ein völlig falsches Bild unserer Branche zu bestehen. Mit 'Möbelhaus' verbinden die Spitzenpolitiker Ikea und vielleicht noch Lutz und Höffner – und damit wiederum Tagesbesucherfrequenzen in den Tausendern, Jahrmarktszenen und Bratwurstbuden. Dass es Tausende von erfolgreichen Händlern mit gerade mal 20 oder 30 Besucherpartien am Tag gibt, hat die Politik nicht auf dem Zettel. Wir müssen uns als Möbelmittelstand deutlich mehr Gehör verschaffen – an diesem Bild muss unbedingt auch über Corona hinaus gearbeitet werden.

möbel kultur: Wie verändert eine solche Pandemie das Verbandsleben?

Felix Doerr: Das lässt sich in der Drastik auf drei Begriffe verknappen – es wird digitaler, schneller und kooperativer. Alle Beteiligten rücken noch mehr zusammen.

möbel kultur: Könnten Sie das noch etwas ausführen?

Felix Doerr: Wir haben eine sehr fortschrittlich denkende Vertriebsmannschaft, die von einem Moment auf den anderen die Kommunikation auf Videokonferenzen umgestellt hat. Praktisch täglich fanden intern wie auch mit unseren Mitgliedern Gesprächsrunden statt, die für alle sehr nützlich waren, um die neuesten Informationen und Erfahrungen auszutauschen. Dadurch, dass sich praktisch täglich neue wichtige Themen im Bereich Wirtschafts- und Arbeitsrecht, Finanzierung, Subventionen etc. entwickelten - und dies z.T. ja länderspezifisch - war der Informationsbedarf enorm hoch.

möbel kultur: Wie muss man sich das operativ vorstellen?

Ulf Rebenschütz: Es gab Tage in den ersten zwei bis drei Wochen nach dem Shutdown, an denen regelmäßig fünf bis sechs Videokonferenzen mit bis zu je 20 Händlern stattfanden. Nach meinem Eindruck waren wir noch nie mit so vielen Mitgliedern gleichzeitig so eng im Gespräch wie in dieser Phase. Sie hören dann sehr schnell heraus, wo der Schuh drückt und man kann gemeinsam die richtigen Maßnahmen treffen. Um die Gewinne zum Beispiel vier Wochen früher zur Auszahlung zu bringen, haben wir die Gesellschafterversammlung digital durchgeführt. Da dies bisher satzungstechnisch nicht vorgesehen ist und von allen 500 Gesellschaftern dazu aber die Zustimmung vorliegen muss, hatten wir einen kleinen Kraftakt zu meistern. Das geht nur mit großer Nähe zu den Gesellschaftern und auf digitalem Wege.

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