Michael Rossmann, Inhber von Pad Concept, findet deutliche Worte für das, was schiefläuft im internationalen Sourcing.

Lieferketten im Stress - Interview VII

Michael Rossmann: "Wir bleiben nachhaltig und fair, egal was es kostet"

Die Auswirkungen der Pandemie haben die Lieferketten gesprengt. Die Konsumgüterbranche ist mit einem hohen Import-Anteil und großen Order-Volumina davon besonders getroffen. Dass es sich dabei nur um eine Momentaufnahme handelt, glaubt keiner der Top-Unternehmer, die wir um ihre Einschätzung für 2022 gebeten haben. Im letzten Interview der siebenteiligen Serie berichtet Michael Rossmann, Inhaber von Pad Concept,

P&G: Herr Rossmann, was ist im Sourcing aktuell die größte Herausforderung?

Michael Rossmann:Fachkräfte und engagierte Mitarbeiter – keiner will mehr arbeiten oder maximal nur 20 Stunden. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass viele in unserem Land das Gefühl haben, es geht auch ohne. Wer arbeitet, hat ohnehin zu viele Abzüge, viele haben eine Immobilie geerbt und sind es leid, nur noch für hohe Abgaben zu arbeiten. So setzen viele arbeitstechnisch daher aufs Minimum und einen 450-Euro-Job nebenbei.
Und im Sortiment haben wir gerade ein anderes Problem: Die Rohstoff-Preisentwicklung lässt den Markt explodieren – das geht bis zur Verknappung der Rollmasse bei Paket-Diensten. Wir werden mit permanenten Preiserhöhungen konfrontiert und haben an dieser Stelle keinen Handlungsspielraum – da heißt es einfach – wenn das nicht angenommen wird, müssen Sie sich einen anderen Dienstleister suchen. Kein Wunder, wenn bei bequemen 77 Prozent Plus im E-Commerce andere Vertriebswege offenstehen – sehr CO2-freundlich...

P&G: Wie hoch sind die Containerkosten? Und wann rechnen Sie mit einer Beruhigung?

Michael Rossmann: Die Containerpreise haben sich teilweise mehr als verzehnfacht. Es gibt einen bekannten Artikel in unserem Sortiment, von dem 356 Teile in einen Container passen. Normalerweise kaufen wir diesen Artikel inklusive Fracht für 46 Euro und verkaufen diesen für 89,95 Euro, was einen UVP von ca. 219,95 Euro macht. Heute kostet diese Ladung 12.000 US-Dollar mehr, was den Artikel im Einkauf um 33,70 US-Dollar erhöht und den Einkaufspreis auf 149,95 Euro treiben würde, was dann einen UVP von 369 Euro bedeuten würde. Hier sind nun noch nicht mal die massiven Energiepreis-Entwicklungen, die Pressteigerungen der Paket-Dienste, die Kostenerhöhungen im Verpackungsmaterial u.v.m. enthalten.

P&G: Wie stark sind die Einkaufspreise gestiegen?

Michael Rossmann: Durchschnittlich um 30 Prozent.

P&G: Welche Artikel sind besonders problematisch?

Michael Rossmann: Alle, einfach alle Rohstoffe und Dienstleistungen steigen in den Preisen. Un wo es nicht das Material ist – wie beipielsweise bei Baumwolle – verteuert sich die Fracht. Dienstleistung, Logsitik, Marketing, Papier – einfach alles! Es wird sich auch nicht ändern, da die Staaten an jeder Erhöhung mitverdienen – besonders bei der Energie und bei jedem Artikel – die Politik ist also nicht daran interessiert, an dieser Inflation irgendetwas zu stoppen. So wird die Kluft zwischen Arm und Reich noch tiefer werden.

P&G: Lässt sich aktuell überhaupt solide sourcen?

Michael Rossmann: Solide auf jeden Fall. Aber ich bin auch froh, dass jetzt mal aufgezeigt wird, dass es bei Artikeln, die nachhaltig und fair produziert werden, einfach nicht möglich ist, ein Discounter-Kissen für 9,95 Euro zu produzieren. Daran kann niemand etwas verdienen und seine Familie ernähren: nicht der Baumwoll-Bauer, nicht die Spinnerei, nicht der Färber, es sei denn, er geht voll auf Formaldehyd, nicht der Weber, nicht die Näherei, nicht der Label- und Verpackungshersteller, nicht der Versender, der Designer, der Verkäufer und Berater, der Paketdienst-Fahrer und auch nicht der Visual Merchandiser. Alle diese Berufe wollen wir von 9,95 Euro bezahlen? Und beschweren uns dann, dass wir kein Geld verdienen? Dann sucht weiter auf Amazon nach Schnäppchen, denn das ist anscheinend der Weg, wenn man beim Shopping seinen Kopf nicht zu Rate zieht. Die einzigen, die gerade so richtig gut auf ihren Schnitt kommen, sind die Logistikkonzerne. Aber wir bleiben nachhaltig und fair, egal was es kostet.

P&G: Gibt es Unterschiede nach Ländern?

Michael Rossmann: Nein, die sehe ich nicht.

P&G: Möchten Sie in Zukunft in anderen Regionen einkaufen?

Michael Rossmann: Wir werden weiterhin Europa und kurze Wege forcieren, wo es nur möglich ist.

P&G: Was sagen die Handelspartner zu der Situation? Stellen die Händler Sortimente um?

Michael Rossmann: Das bleibt zu beobachten. Unsere Handelspartner sind definitiv wesentlich vorsichtiger geworden, wenn sie noch existieren bzw. nach 2 Jahren Covid-Hin-und-Her noch die Lust und Kraft haben, mit Freude weiterzumachen. Keiner kauft mehr auf Risiko, denn es gibt zu viele Händler, die auf ihrer Saisonware sitzen geblieben sind. Das kann für uns als nachhaltiger Lieferant und Dienstleister mit Beratung, Lager und Service sicherlich für den individuellen POS ein Vorteil sein. Diejenigen Handelspartner, bei denen es nur um hohe Schlagzahlen aus Eigenimporten geht, erkennen, das dies nicht die Zukunft sein kann, um allen Beteiligten in der Wertschöpfungskette gerecht zu werden.

P&G: Wie lautet Ihre Prognose für 2022 bezogen auf Ihre Geschäftsaktivitäten?

Michael Rossmann: Wenn keine generellen Einzelhandelsschließungen kommen und der stationäre Handel wieder eine Chance gegen den E-Commerce bekommt, dann sehe ich dem Ganzen sehr positiv entgegen. In diesem Zuge hoffe ich auf ein Umdenken bei vielen Menschen, damit erkannt wird, dass der Erwerb des richtigen Produktes auch Arbeitsplätze erhalten und faire Gehälter ermöglichen kann. Ich habe generell auch nichts gegen den E-Commerce. Nur dass dieser besondere und umweltschädliche Service des Lieferns endlich extra bezahlt werden müsste. Alle Arbeitsplätze, die an Massenimporten hängen, wie auch ein Paket-Dienst-Fahrer, dienen lediglich dem Zweck, verbrannt zu werden, um damit die Investoren verdienen zu lassen.

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