VME-Gesellschafter im Porträt – Interliving Gleißner
Jörg Kulzer: “Wir leben Kundenorientierung mit aller Konsequenz!”
Wer sagt denn, dass die Provinz rückständig ist? Tirschenreuth in der bayerischen Oberpfalz ist sicher nicht der Nabel der Welt, doch Interliving Gleißner sorgt dafür, dass hier Möbelhandel 2.0 betrieben wird und aktuelle Wohntrends in die Region gelangen. Das Unternehmen feierte vor drei Jahren sein 150-jähriges Jubiläum und wird mittlerweile in fünfter Generation von Jörg Kulzer geführt. Mit 110 Mitarbeitenden gehört das Einrichtungshaus zu den größten Einzelhändlern im Landkreis. Am Standort mit 14.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden Möbel, Küchen und Fachsortimente präsentiert – und nahezu alle Wohnbereiche abgedeckt.
Eine aufstrebende Region
Der Landkreis zählt über 70.000 Einwohner:innen, die Stadt selbst rund 9.000. Die nächsten größeren Städte sind weit entfernt: Pilsen (90 km), Regensburg (120 km), Nürnberg (150 km), Prag (190 km). Trotz sinkender Bevölkerungszahlen und einer vergleichsweise niedrigen Bevölkerungsdichte – bei gleichzeitig ausgesprochen hoher Möbelhausdichte – herrscht in der Region ein positives, zukunftsorientiertes Klima. Nicht zuletzt dank des zupackenden Ersten Bürgermeisters Franz Stahl, der seit über 20 Jahren im Amt ist und 2013 sogar die Landesgartenschau nach Tirschenreuth brachte. Die Gegend ist landschaftlich attraktiv, sodass auch der ein oder andere Tourist zum Gleißner-Kunden wird. Die Lebenshaltungskosten sind niedrig, die Arbeitslosenquote auch. In der Nordoberpfalz sind namhafte Unternehmen wie Conrad Electronic, Witt Weiden, Cube und ATU angesiedelt – und natürlich auch Interliving Gleißner.
Neustart nach dem Brand
Dabei gab es sogar mal einen Nullpunkt. Nach einem Großbrand 1989 – es war Brandstiftung – stand das Möbelhaus Gleißner vor dem Aus. Innerhalb kürzester Zeit fiel die Entscheidung von Liselotte Kulzer, geborene Gleißner, und ihrem Ehemann Hans Kulzer, auf der grünen Wiese neu zu bauen. Die Kundendaten konnten noch gerade so aus dem Feuer gerettet werden – Glück im Unglück. Zudem erhielt die Familie große Unterstützung von der Politik. Tirschenreuth ohne Möbel Gleißner – das wollte und konnte sich niemand vorstellen. In den Folgejahren entwickelte sich das Unternehmen als „Gleißner Wohnschau“ außerordentlich erfolgreich. Die Entscheidung von 1990, am Stadtrand neu zu bauen, erwies sich als richtig und zukunftsweisend.
Zurück in die Heimat
Jörg Kulzer hatte nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Bayreuth und Dublin schon einiges von der Welt gesehen und hätte problemlos eine Konzernkarriere einschlagen können – er war in Hamburg bei Otto und bei dem Laborausstatter Eppendorf bereits in Marketing-Positionen mit Verantwortung gelangt. Doch als der Ruf aus der Heimat lauter wurde, ging er in sich. Er formulierte Prämissen, unter denen er doch noch in das Familienunternehmen einsteigen würde. „Da war ich schonungslos, aber es musste sein. Wir haben uns ehrlich gefragt, was wir dafür tun müssen, damit wir in zehn Jahren und darüber hinaus noch erfolgreich Möbelhandel betreiben können“, erinnert sich Kulzer. Auch wenn es in jedem Nachfolgeprozess unterschiedliche Meinungen gibt – in den grundlegenden Themen war sich die Familie einig und sah die Notwendigkeit der Transformation. Seit 2015 ist es deshalb in der Einsteinstraße 2 mit vielen Zukunftsprojekten nach vorne gegangen.
Unkonventionelle Wege: Postfiliale im Möbelhaus
Zu diesen Projekten gehört auch ein besonderer Untermieter: Denn im Jahr 2016 ist die Deutsche Post mit einer Partnerfiliale ins Möbelhaus eingezogen, nachdem das Schaltergeschäft im Ortskern eingestellt worden war. Die Post bei Gleißner ist seitdem ein täglicher Anziehungspunkt für die Tirschenreuther Bevölkerung. „Ein toller Frequenzbringer. Natürlich kauft nicht jeder ein Möbelstück, wenn er ein Päckchen abgibt – aber wir sind so immer sichtbar und in den Köpfen der Menschen in der Region.“, freut sich Jörg Kulzer noch immer über diesen Schachzug.
Umbau, Digitalisierung und neue Energie
Von 2016 bis 2018 wurde die Ausstellung vollständig erneuert, das Haus in weiten Teilen sogar saniert. „Genau im richtigen Zeitfenster, bevor in der Pandemie jede Baustelle zur Stressquelle geworden ist“, sagt Kulzer. 2016 flaggt Gleißner auf Interliving um, 2017 ergänzt ein Online-Schaufenster (seit 2020 auch als Shop) den Markenauftritt. Wenig später kam die kräftezehrende Pandemie – aber Durchschnaufen war auch danach nicht. Das Corporate Design wurde modernisiert und crossmedial konsequent ausgerollt. Auch auf den Social-Media-Kanälen Facebook, Instagram und Pinterest, die von internen Mitarbeitenden mit viel Herzblut mit Content befüllt werden, ist das Unternehmen sehr aktiv. Im Jahr 2024 stand mit dem Wechsel auf Shopware 6 ein großer Website-Relaunch an. Von 2022 bis 2024 wurden zu guter Letzt auch die Außenanlagen und ein Teil des Daches erneuert – inklusive Installation einer Photovoltaikanlage und der Einrichtung von Ladesäulen.
Frische Impulse von außen
Immer wieder hat Jörg Kulzer auch externe Impulsgeber ins Unternehmen geholt – eine Unternehmensberatung aus München, die sich auf Digitalisierung und E-Commerce spezialisiert hat, eine Kommunikationsagentur aus der Hamburger Sternschanze, eine Shopware-Agentur aus Ingolstadt sowie verschiedene Ladenbauer. So ist viel Expertise und Know-how nach Tirschenreuth gekommen.
„G hoch 3“: Gleißner – Gemeinsam – Gestalten
Aus einem Führungskräfteworkshop ist mit Unterstützung einer Markenagentur aus Oberviechtach im Bayerischen Wald die „G hoch 3“-Philosophie hervorgegangen: „Gleißner – Gemeinsam – Gestalten“ bringt die Philosophie und die Führungskultur des traditionsreichen Unternehmens auf den Punkt: verwurzelt, menschlich, inspirierend, begeisternd. Kulzer kann sich dabei auf ein starkes Führungsteam verlassen, zu dem neben den drei Prokuristen Wolfgang Horn, Markus Mayer und Manfred Göhl auch fünf Teamleiter:innen gehören. Und auch die Seniorchefs Hans und Liselotte Kulzer, die sich mittlerweile weitgehend aus dem Unternehmen zurückgezogen haben, sind noch mit dem ein oder anderen guten Ratschlag eine wertvolle Unterstützung.
Starker Partner im Verbund
Die Beziehung zum Einrichtungspartnerring VME ist eng und vertrauensvoll. Jörg Kulzer war von Beginn an von Interliving begeistert und ist seitdem eine der treibenden Kräfte für die Eigenmarke des Verbands. „Für uns war Interliving eindeutig ein Glücksfall. Es hat uns gepusht, und wir haben zusammen mit den Kolleg:innen und den Mitarbeitenden der Verbandszentrale viele gute Dinge entwickelt, die wir allein niemals hätten machen können – wie zum Beispiel das After-Sales-Tool oder viele Marketingthemen. Außerdem ist der Austausch und die Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen im Kreis der Interliving Partner für uns sehr wertvoll. Wir leben Kundenorientierung seitdem mit aller Konsequenz“, sagt Kulzer. In der Region ist Interliving dann auch ein Begriff wie wohl in keiner anderen in Deutschland, denn neben Gleißner tragen zwei weitere VME-Kollegen im Umkreis Interliving im Namen. Jetzt hat es sogar die erste gemeinsame Werbeaktion gegeben – ein Pionierprojekt im Möbel-Mittelstand. Mit vielen Gesellschaftern steht Interliving Gleißner im engen Kontakt, mit einigen bestehen sogar Freundschaften.
Nachwuchs mit Auszeichnung
Und nun? Die Herausforderungen nehmen nicht ab – der Fachkräftemangel ist auch in der nördlichen Oberpfalz ein großes Thema. Andererseits ist starker Nachwuchs schon da – elf Azubis absolvieren aktuell bei Interliving Gleißner ihre Ausbildung. Einer von ihnen hat in seinem Ausbildungsberuf „Fachkraft für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice“ im Sommer 2024 als deutschlandbester Prüfungsteilnehmer abgeschlossen und durfte im Dezember zur nationalen Siegerehrung der DIHK nach Berlin reisen.










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