Das war der Küchenherbst 2024
Herzschrittmacher für den Handel: Der Blick auf die Branche
Eigentlich sind die Neuheiten, die beim Küchenherbst in Ostwestfalen alljährlich als Impulse an den Küchen- und Möbelhandel ausgestrahlt werden, etwas, was das traditionelle Möblerherz mit Blick auf das kommende Jahr höherschlagen
Eigentlich sind die Neuheiten, die beim Küchenherbst in Ostwestfalen alljährlich als Impulse an den Küchen- und Möbelhandel ausgestrahlt werden, etwas, was das traditionelle Möblerherz mit Blick auf das kommende Jahr höherschlagen lässt: Neue Fronten, Oberflächen, Funktionen, raffinierte Planungsideen oder die Erschließung neuer Räume, an denen sich im Fachhandel vor Ort mitverdienen lässt. Dieses Jahr jedoch, das lässt sich trotz aller Bemühungen deutlich erkennen, dienen viele Sortimentspräsentationen eher als Herzschrittmacher. Eine zusätzliche Korpushöhe (Nolte mit 800 mm, Rotpunkt mit 845 mm), neue Holzreproduktionen – auffällig oft in nordisch kühlerem Eichenholzton – und zusätzliche Farben, die das bestehende Portfolio im Braun-/Beige-/Greige-Sortiment erweitern, sind allesamt Ansätze, die „nice to have“ sind – und doch in anderen Jahren im Feuerwerk an Innovationen eher nur beiläufig Erwähnung gefunden hätten.
Stimmung solide, Forderungen groß
Dennoch ist die Stimmung insgesamt solide und gut, auch, weil sich auf so einem Branchentreff möglicherweise gemeinsam über fehlende Anreize aus Wirtschaft und Politik ereifert werden kann – und weil ja irgendwie auch alle im selben Boot sitzen: Vom Umsatzdebakel sind so gut wie alle Hersteller betroffen, auf minus 10 Prozent als Prognose haben sich die meisten geeinigt, wobei es bei den verkauften Stückzahlen noch weitaus schlechter aussieht. An einen erfolgsversprechenden Aufschwung für 2025 glaubt hier niemand mehr, dafür finden immer mehr Branchengrößen deutliche Worte: Nicht nur die Automobilindustrie, die nach der Abwrackprämie 2008 nun auch wieder über eine Zuwendung seitens der E-Auto-Industrie mit der Politik am Tisch sitzt, sollte mit wirtschaftlicher Hilfe bedacht werden. Sondern ganz konkret auch der „Patient Küchenindustrie“, dem es an Nachfrage, Bauinitiativen und Zuschüssen mangelt.
So findet der Verband der Deutschen Küchenmöbelindustrie (VdDK) deutliche Worte, die als Appell an die Bundesregierung gelten – nämlich, abseits von der Automobilwirtschaft auch die Umsätze und Arbeitsplätze im Küchensektor mitzudenken. Das geht nur über einen politisch verordneten Anschub des Baugewerbes oder einen Finanzierungsanreiz zum Kauf neuer Küchen im Falle von Renovierung und Umzug. Ein entscheidender Satz macht in diesen Tagen die Runde: „Jeder wohnt, aber nicht jeder fährt ein Auto“ zitiert Volker Klodwig, Vorstandsvorsitzender der MHK, den Nobilia-Geschäftsführer Dr. Lars Bopf.
Abstieg in den Einstieg
Die Konsequenz, die viele Küchenmöbelhersteller aus der derzeit angespannten Lage ziehen, ist denn auch die Hinwendung zum Einstiegs- und Mittelpreissegment. Fronten in Preisgruppe 0 oder 1, Schichtstoffarbeitsplatten statt Keramik oder Naturstein und zahlreiche niedrigschwellige Gerätegruppen, die mit Zusatzfunktionen oder einer neuen Optik vermeintlich aufgewertet werden, bestimmen das Bild des diesjährigen Küchenherbsts. Das ist finanziell so verständlich wie moralisch frustrierend, nachdem sich die deutsche Küchenindustrie über Jahre ein starkes Premiumleitbild aufgebaut hat – und so mancherorts den Ruf als „Architekturmarke“ riskiert, um verdeckt als Handelsmarke wieder mehr Masse statt Klasse umzusetzen.
Preisliche Mittelfeldspieler profitieren wiederum davon, sich sowohl umstandslos nach unten bücken als auch nach oben strecken zu können: Nobilia wertet sein gesamtes Schubladensystem mit der Einführung der filigranen und individuell verfeinerbaren „nBox“ deutlich auf, und auch Schüller übernimmt einige Designideen von seiner Premium-Marke Next125, um vom Ruf der günstigen Einstiegsmarke wegzukommen. Häcker scheint sich nicht so ganz entscheiden zu können: Zwar stand 2024 erneut die Hochwertlinie „Systemat“ im Fokus der Neuheiten des Hauses, aber auch die erfährt dieses Mal eher einen verhaltenen Aufschwung mit neuer Schubkastentiefe, Auszugsbeleuchtung und schlankem Zargenprofil für alle Modelle – ohne Aufpreis, versteht sich.
Bronze trifft Blau
Vom überbordenden Mailänder Flair aus dem April ist zum Küchenherbst 2024 indes erstaunlich wenig zu spüren. Statt der dortigen „boldness“ und starken Statements in Stein und Edelstahl, verbunden mit kräftigen Farben in Koralle oder glänzender Metallic-Optik, hat es allenfalls die Bronze nach Ostwestfalen geschafft. Bronze ist das neue Gold, sei es für Griffmulden, Effektlack-Oberflächen, Nischenspiegel oder Rahmenverkleidungen. Ansonsten halten deutsche Küchenhersteller noch immer an grünen und blauen Küchen fest, die bereits bestehende Nuancen um Töne wie „Olive“, „Sepia“, „Schilf“ oder auch „Sky“ ergänzen sollen. Wenn Grün die Farbe der Hoffnung ist, hält die Küchenindustrie jedenfalls intensiv daran fest. Ansonsten sind vor allem warme, harmonische und ruhige Farbnoten das Thema der Stunde, die den krisenbehafteten Zeiten wohlwollend und vertrauensvoll entgegenwirken sollen.
Vertrauen durch Gerätegarantien
Apropos Vertrauen: Das versuchen sich speziell die Gerätehersteller durch 5-Jahres-Garantien zurückzuerobern, wie sich bei der „studioLine“ von Siemens, der „Premier Line“ von AEG oder sämtlichen Einbaugeräten von Blaupunkt zum 10-jährigen Jubiläum der Häcker-Hausmarke beobachten lässt. Im Gerätebereich bleibt, im Gegensatz zur Küche, weiterhin alles von Schwarz dominiert. Besser gesagt, matt-schwarz, denn diese Kombination halten AEG und Miele nur noch bis Ende des Jahres exklusiv in der Hinterhand. Bosch, Siemens und Neff haben sich bereits in Stellung gebracht und kündigen die mattschwarze Glaskeramik für Q2 in 2025 an. Auch Elica, Bora und sogar das Nobilia-eigene „XtraHob“ sollen zukünftig in dieser Ausführung erhältlich sein.
Die Unterschiede verschwimmen auch im Armaturenbereich: Dort hat nahezu jeder Hersteller eine Multifunktionsarmatur zu bieten. Franke ganz neu, Blanco nun endlich „richtig“, und Bora bislang nur mit Filterfunktion, aber das soll ja auch erst der Anfang sein, wenn man die Zwischentöne in Herford richtig verstehen darf.
Hilfen für den Handel
Wer oder was in der Krise das Nachsehen hat, ist vielerorts die Nachhaltigkeit. Zwar gibt es noch einige sehr gute Ansätze, beispielsweise von Oberflächenspezialist Dekker, der eine Platte ohne Span- und Sperrholz, dafür in gepresstem HPL entwickelt hat. Insgesamt steht aber eher die Zukunft des Handels – statt des Planeten – im Vordergrund der zahlreichen Messe-Hotspots. Die Industrie versucht, dem Handel im berechtigten Eigeninteresse unter die Arme zu greifen: Mit Montage-Services, Planungssoftwares, Reklamations-Apps oder Schulungen von Händler:innen und Mitarbeitenden.
Die Krise fordert Zusammenhalt in schwierigen Zeiten sowie Lösungen, die tatsächlich etwas bewegen, anstatt sich in technischer Spielerei zu verlieren. Insofern ist der derzeit schlingernde Markt, so hart er auszuhalten ist, auch eine Chance auf echte Entwicklungen. Innovationen, die sich im Wohlstand mitunter verlieren und nun den entscheidenden Unterschied zum Mitbewerber ausmachen können. Trotz des ein oder anderen verbalen Seitenhiebs hier und da galt der Tenor in Ostwestfalen dennoch eher dem gemeinsamen Blick in die richtige Richtung: Und so zeigt sich inmitten einer Zeit, in der die Branche leidet und ächzt, doch erst recht, was eine (Küchen-)Familie ausmacht.
Lesen Sie weitere Zusammenhänge, Details zu einzelnen Neuheiten sowie vielversprechende Interviews mit Branchengrößen in der kommenden Ausgabe der möbel kultur.

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