Jan Kurth (VDM) zum Krieg

Folgen nicht nur für Ukraine und Russland

Täglich erfahren wir neue schreckliche Nachrichten aus der Ukraine. Die Solidarität ist groß, aber auch Ängste wachsen. Mittlerweile wurden massive Sanktionen durch die EU über Russland verhängt. Was bedeutet die beabsichtigte Isolation – insbesondere durch Aussetzung von „Swift“ – für deutsche Möbelex- bzw. -importe? Nach gut einer Woche nahm VDM-Geschäftsführer Jan Kurth auf „möbel kultur“-Nachfrage noch einmal konkreter Stellung zu den Folgen des Krieges.

„möbel kultur“: Herr Kurth, schon in der vergangenen Woche haben Sie einen drastischen Rückgang der deutschen Möbelexporte nach Russland befürchtet. Wie schätzen Sie nun nach Einsetzen der EU-Sanktionen die Lage ein? 
Jan Kurth: Auch wenn es schwerfällt, den Blick angesichts des unfassbaren menschlichen Leids, den dieser sinnlose kriegerische Angriff hervorruft, auf die ökonomischen Konsequenzen zu lenken, gilt Folgendes: Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Handelsströme in beiden Richtungen in den kommenden Tagen nahezu komplett zum Erliegen kommen. Ausschlaggebend ist dabei der Swift-Ausschluss russischer Banken, womit die Ware nicht mehr bezahlt werden kann. Auch der Transport erweist sich zunehmend als problematisch. Die Grenzübergänge wurden entweder geschlossen oder sind nur mit zusätzlichen Kontrollen passierbar. Auch der Flugverkehr wurde weitgehend eingestellt.

„möbel kultur“: Sie sprachen von einem Exportvolumen von insgesamt 87,5 Mio. Euro nach Russland.Welche Produktgruppen wären von dem Totalausfall besonders betroffen?
Jan Kurth: Laut Außenhandelsstatistik rangierte Russland im vergangenen Jahr mit einem Anteil am Exportwert von rund 1 Prozent auf Platz 16 der wichtigsten Auslandsmärkte der deutschen Möbelindustrie. Bei den deutschen Ausfuhren handelt es sich in erster Linie um fertige Möbel, vor allem Küchen- und Metallmöbel. Bezieht man darüber hinaus auch die Möbelteile mit ein, belief sich der Exportwert im vergangenen Jahr auf rund 119 Mio. Euro.  

„möbel kultur“: Wie sieht es bei den Importen aus?
Jan Kurth: Bei den deutschen Möbelimporten aus Russland geht es vor allem um Schlafzimmermöbel und andere Holzmöbel. Der Importwert betrug zuletzt rund 40 Mio. Euro. Damit spielt Russland als Lieferland für Möbel insgesamt betrachtet nur eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl drohen einzelnen Anbietern, die größere Volumina an Möbeln in Russland zukaufen, spürbare Auswirkungen. Im vergangenen Jahr entfielen 0,3 Prozent der deutschen Möbelimporte – inklusive Möbelteile – auf Russland und 0,9 Prozent auf die Ukraine.

Auf negative Folgen müssen sich auch einzelne Möbelhersteller einstellen, die einen hohen Anteil ihres Materialbedarfs in Russland oder in der Ukraine decken, beispielsweise mit Blick auf Komponenten für die Produktion von Lattenrosten. Wir gehen jedoch davon aus, dass es unserer Branche insgesamt gelingen wird, ihre Beschaffung auch dann zu organisieren, wenn die Lieferungen aus diesen Ländern ausbleiben sollten.

Darüber hinaus dürfte der nun zu erwartende massive Anstieg der Energiepreise alle Möbelhersteller betreffen. Auch die Materialpreise werden nun noch schneller steigen. Ich denke hier vor allem an Holzwerkstoffe, deren Herstellung besonders energieintensiv ist.

„möbel kultur“: Inwieweit zieht der Konflikt auch Kreise über andere Nachbarländer der Ukraine, zum Beispiel durch logistische Probleme? 
Jan Kurth: Wir können nicht ausschließen, dass es durch den Ausfall von Rohstofflieferungen oder das Fehlen von Arbeitskräften zu Auswirkungen auf die Möbelimporte aus Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien kommt. Im Detail abschätzen lässt sich dies derzeit aber nicht. Überdies entfielen im vergangenen Jahr 1,3 Prozent der deutschen Holz- und Möbelimporte auf Belarus. 

„möbel kultur“: Was ist langfristig zu erwarten?
Jan Kurth: Da der weitere Verlauf des Kriegs in der Ukraine derzeit nicht einzuschätzen ist, ist diese Frage nur schwer zu beantworten. Vieles wird von der Dauer und dem Ausmaß der Sanktionen gegen Russland abhängen. Es ist jedoch zu erwarten, dass die russische Wirtschaft erheblichen Schaden nehmen und die Handelsbeziehungen mit dem Westen langfristig leiden werden. 

„möbel kultur“: Ist die deutsche Möbelindustrie an geplanten wirtschaftspolitischen Gesprächen auf EU-Ebene beteiligt?
Jan Kurth: Für den Austausch auf EU-Ebene ist unser europäischer Möbelverband EFIC zuständig, der mit der Kommission in regelmäßigem Kontakt steht. Hier sind auch Gespräche zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs geplant.

 

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