Konstantin Rentrop und David Thomas sprechen über Kauflokal.com - ein Projekt, das den lokalen Handel digital nach vorne bringt.

Kauflokal.com

„Corona war am Ende die Initialzündung, unsere Idee auch endlich umzusetzen“

Seit dem 6. April ist das gemeinsame Projekt Kauflokal.com der Norisk Group und der Münchener Initiative „Kauf Lokal“ als digitaler Marktplatz für den lokalen Handel live. Das neue Portal fungiert als digitales Schaufenster für die lokalen Händler. Es werden keine Käufe darüber abgewickelt. Jeder angeschlossene Händler bekommt die Möglichkeit, sein Online-Angebot unkompliziert und kostenfreie zu präsentieren. Die Initiatoren David Thomas (Hirmer) und Konstantin Rentrop (Sporthaus Schuster) erklären, was dahinter steckt, welche Vorteile die Teilnahme bietet und wie es funktioniert.

Wie kam es zu Kauflokal.com?

David Thomas: Kauflokal.com ist aus der vor fünf Jahren gestarteten, stationären Initiative „Kauf Lokal“ in München entstanden. Die aktuell sehr herausfordernden Zeiten für den Handel, herbeigeführt durch die Schließungen, den Lockdown in seiner gesamten Bandbreite und die daraus resultierenden Befürchtungen für unsere zukünftige Handelslandschaft nach Corona, haben zur Initiierung von Kauflokal.com geführt.

Gab es einen Initiativ-Moment?

David Thomas: Bei mir war es der erste Sonnabend nach dem Lockdown am 18. März. Ich bin durch die Münchner Innenstadt gegangen und wo sich sonst tausende Menschen tummeln, war eine gespenstische Leere. Wenn die lokalen Händler nicht überleben und die Menschen in Zukunft nicht bewusster lokal einkaufen, ist das wohl ein Bild, das sich in sehr, sehr vielen deutschen Städten bieten wird.

Konstantin Rentrop: Die Idee, dass sich lokale Platzhirsche auch im Netz auf einer Vermarktungsplattform zusammenzuschließen, gab es schon länger. Der Handlungsdruck durch Corona hat dann aber eine völlig neue Dynamik in diesen Prozess gebracht und die ersten Gespräche mit anderen Händlern haben uns bestätigt und motiviert, diese Idee auch schnellstmöglich umzusetzen.

Wer steckt dahinter?

Konstantin Rentrop: David Thomas als Initiator der stationären Kauf Lokal Initiative, ich als Mitglied derselben in München und das Team der Münchner E-Commerce Agentur Norisk Group haben diese Idee des Online-Marktplatzes umgesetzt. Die Seite wurde in Rekordzeit von nur 14 Tagen entwickelt und hat zum Start bereits über 300 angebundene Händler – vom kleinen Schmuckladen ohne eigenen Onlineshop bis hin zum großen Traditions-Buchhändler Hugendubel mit Filialen in ganz Deutschland und eigenem Onlineshop.

David Thomas: Mit Kauflokal.com wollen wir bewusst einen Gegenpol zu den riesigen Online-Plattformen wie z.B. Amazon schaffen. Es geht nicht darum, als einzelner Markplatz dagegenzuhalten, sondern gemeinsam mit dem gesamten mittelständisch geprägten Einzelhandel in Deutschland auf einem Marktplatz eine lokale Alternative zu bieten. Stellen Sie sich vor, Sie suchen ein Produkt – gemütlich von zu Hause aus. Anstelle es bei Google zu suchen, geben Sie es bei Kauflokal.com ein und finden entweder Händler aus der eigenen Stadt, die es führen oder aus einer anderen deutschen Stadt. Sie können nun entscheiden, ob man einfach stationär den Laden aufsucht oder direkt bei ihm im Onlineshop das gewünschte Produkt kauft. So werden lokal Arbeitsplätze gesichert und die Vielfalt des innerstädtischen Handels ein stückweit gesichert.

Ist es nur eine Reaktion auf die Corona-Ausnahmesituation der letzten Wochen oder gibt es einen weiterführenden strategischen Ansatz?

Konstantin Rentrop: Corona war am Ende die Initialzündung, unsere Idee auch endlich umzusetzen. Es ist aber auch eine bewusste Entscheidung, Kauflokal.com strategisch auf längere Sicht aufzubauen und nicht nur temporär als Reaktion auf eine Krise. Jeder Händler muss sich im Rahmen seiner Möglichkeiten mit der Digitalisierung beschäftigen – das galt auch vor Corona. Kauflokal.com bietet auch den ganz kleinen Einzelhändlern – wie den großen – ein Schaufenster für ihre Marke und Produkte. Das war der ursprüngliche Ansatz der stationären Aktion in München und ist nun auch die Vision für eine digitale Umsetzung in ganz Deutschland.

David Thomas: Gerade die Zeit nach Corona ist für den Handel ausschlaggebend. Staatliche Hilfen können aktuell unterstützen, aber sie werden auslaufen und erfüllen ja auch nur eine Brückenfunktion. Wenn das Konsumverhalten sich nicht elementar verändert, die Menschen in ihren Städten nicht bewusster kaufen, wird es in nächster Zeit ein Massensterben im mittelständisch geprägten Einzelhandel geben. Das mag zwar etwas zugespitzt klingen, aber wenn es nur noch um Bequemlichkeit geht, dass man bei den Onlineplattformen alles bekommt, wird man beim ersten Schritt vor die Haustüre merken, dass nichts mehr da ist, was einen vielfältigen lokalen Handel in der Nachbarschaft ausmacht. 2020/2021 wird sich hoffentlich der Trend zur (G)Lokalisierung verstärken –einer globalen Besinnung auf das Lokale. Wir haben mit Kauflokal.com das ambitionierte Ziel zu sensibilisieren und zukünftig das lokale Online-Schaufenster des Mittelstands sein.

Braucht es eine neue digitale Plattform für den Handel – gibt es nicht schon genug?

David Thomas: Gerade in den vergangenen Wochen sind einige Initiativen in Deutschland und sogar weltweit entstanden. Das zeigt doch, dass es einen Bedarf gibt. Aber was passiert jetzt, wo der Einzelhandel langsam wieder hochfährt? Wir glauben nicht, dass dann noch „Gutscheine“ als Support reichen, geschweige denn gekauft werden. Es geht um die Produkte und überhaupt darum zu wissen, wer eigentlich ein lokaler Anbieter ist. Das ist einer der größten USPs von Kauflokal.com, wir bilden die gesamte Produktpalette der angeschlossenen Händler ab. Der Checkout findet dann aber bei dem Händler direkt statt. Und wir stellen sicher, dass es sich wirklich um lokale Unternehmen handelt. Eine Art Gütesiegel sozusagen.

Konstantin Rentrop: Es geht ja nicht um ein entweder/oder, auch der Vergleich mit Amazon oder anderen Plattformen gefällt mir an dieser Stelle nicht. Es geht um das Konsumverhalten unserer Kunden und die Bewusstmachung, welche Vielfalt doch der lokale Handel in Deutschland noch hat. Je mehr Aufmerksamkeit der qualitative Fachhandel dadurch erfährt, umso besser für diesen. Kauflokal.com ist auch eine Plattform, um die lokalen Initiativen zu fördern und sich mit ihnen zu verbinden. Letztendlich geht es um mehr Sichtbarkeit für alle. Wir sehen andere Initiativen nicht als Mitbewerber, sondern bestenfalls als partnerschaftliche Multiplikatoren.

Wo kommen die teilnehmenden Händler aktuell her?

David Thomas: Da wir in München gestartet sind, ist aktuell der größte Teil der Händler noch aus dem süddeutschen Raum. Im nächsten Schritt liegt aber der Fokus auf dem gesamten Bundesgebiet, denn nur gemeinsam auf nationaler Ebene kann ein vielfältiger und inspirierender Marktplatz entstehen. Anders als bei einigen anderen Initiativen sind wir kein Branchenbuch oder haben das Einzelhandelsbranchenbuch hochgeladen.

Wie wird ausgewählt, kuratiert? Oder wird jeder interessierte Händler aufgenommen?

David Thomas: Kauflokal.com richtet sich an inhabergeführte, qualitative und städteprägende Händler. Aber auch Start-Ups die mit ihren Ideen neue Wege gehen.

Aus welchen Bereichen kommen die Teilnehmer hauptsächlich?

David Thomas: Aktuell findet man schon über 5,7 Millionen Produkte von über 300 Händlern aus den Bereichen

Mode/Textilien, Feinkost, Elektronik, Home & Living, Beauty und Kosmetik, Unterhaltung und Bücher und aus vielen weiteren Kategorien.

Kostet die Teilnahme etwas?

David Thomas: Um den lokalen Handel aktuell zu unterstützen, haben wir uns dazu entschlossen, dass eine Teilnahme bis auf weiteres kostenlos ist.

Gibt es schon messbare Erfolge, z.B. mehr Umsatz oder Frequenz?

Konstantin Rentrop: Ein riesiger Erfolg war, dass uns bislang kein Wunsch-Teilnehmer abgesagt hat. Und wir hatten viele davon! Das zeigt uns, es ist richtig was wir tun und hier ist ganz klar ein Bedarf da.

David Thomas: Es nicht die Zeit, einzeln zu handeln und in Konkurrenz zu einander zu stehen, sondern gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Haben Sie denn überhaupt eine Chance gegenüber Amazon und Co.?

David Thomas: Allein nicht, aber gemeinsam mit dem lokalen mittelständischen Einzelhandel in Deutschland schon.

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