Dr. Hans-Georg Häusel (Dipl. Psychologe) ist Vordenker des Neuromarketings und zählt international zu den führenden Experten in der Marketing-, Verkaufs- und Management-Hirnforschung.

Dr. Hans-Georg Häusel im Interview

"Corona ist für den Konsum schlimmer als Tschernobyl"

Der Konsumpsychologe Dr. Hans-Georg Häusel sucht nach Erklärungsmustern für das, was wir in diesen Tagen erleben - Quarantänen, Hamsterkäufe und medialer Overkill. Die „möbel kultur“ sprach heute mit dem Dozenten an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich und bat ihn darum, die Ereignisse, so gut es eben gerade geht, einzuordnen.

möbel kultur: Herr Dr. Häusel, was passiert gerade da draußen? Was lösen die aktuellen Ereignisse in den Verbrauchern aus?

Dr. Hans-Georg Häusel: Die Konsumstimmung ist, wie der Name schon sagt, sehr stark abhängig von der Grundstimmung in der Bevölkerung. Denken Sie nur an Urlaub, wo das Geld meistens locker sitzt und man sich zuhause fragt, was man da eigentlich für ein Zeug eingekauft hat. Derzeit beginnt die Bevölkerung mit Panik zu reagieren. Und das ist natürlich die denkbar schlechteste Stimmung, weil sie von Angst geprägt ist. In solchen Momenten wird das Gehirn auf einen Überlebensmodus gestellt. Das ist das Gegenteil von genussvollem Konsum. Da kommt es dann eben eher zu Hamsterkäufen.

möbel kultur: Handelt es sich dabei also um einen archaischen Modus?

Dr. Hans-Georg Häusel: Alles, was wir tun, geschieht im archaischen Modus. Wir sind nun mal emotionsgetriebene Wesen. Wenn wir Angst haben, ziehen wir uns zurück, wenn wir uns sicher fühlen, ziehen wir in die Welt hinaus.

möbel kultur: Was glauben Sie, wie lange der angstgesteuerte Modus anhält?

Dr. Hans-Georg Häusel: So lange die schlechten Meldungen anhalten. Sobald wir den Peak überstanden haben, kippt die Stimmung wieder ins Positive. Ich denke, dass das in sechs bis acht Wochen der Fall ist. Dass das Jahr aber konsumtechnisch sicherlich kein gutes wird, steht außer Frage. Ich glaube, dass selbst das Weihnachtsgeschäft noch eingetrübt sein könnte. Im kommenden Jahr kommt es dann zu einem großen Nachholbedarf. Der Mensch hält es im Jammertal nun mal nicht allzu lange aus.

möbel kultur: Nun sind Möbel in diesem Zusammenhang ein spannendes Thema. Wenn Sie sagen, dass die Menschen sich in den kommenden Monaten eher zurückziehen (müssen), dann könnte das ja auch zu einem Effekt führen, den wir schon in anderen Krisen gesehen haben: Die Menschen machen es sich zu Hause gemütlich.

Dr. Hans-Georg Häusel: Ich verstehe, was Sie meinen. 14 Tage in Quarantäne oder im Home Office können natürlich dazu führen, dass man das eigene Heim ganz neu betrachtet und da eben auch gewisse Verbesserungspotenziale erkennt. Aber der Möbelkauf ist ein intensives Erlebnis, das man nicht mal eben so im Vorbeigehen erledigt. Und dazu sind die Verbraucher momentan nicht in Stimmung. Der stationäre Handel wird also leiden.

möbel kultur: Sehen Sie auch keinen langfristigen Cocooning-Effekt?

Dr. Hans-Georg Häusel: Nein, ich glaube nicht, dass das Thema Einrichtung eine Sonderkonjunktur bekommt, sondern dass der Bereich von einer grundsätzlichen Konsumerholung profitiert. Aber immerhin: Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam schließlich der Barock.

möbel kultur: Wird der Onlinehandel noch einmal zulegen?

Dr. Hans-Georg Häusel: Das ist sehr gut möglich, weil den Menschen mitunter natürlich langweilig wird, wenn sie nicht mehr im Theater, im Konzert oder im Fussballstadion sind, sondern zuhause sitzen. Dann verbringen sie sicher auch viel Zeit in Onlineshops. Der stationäre Handel ist dagegen vorerst der bittere Verlierer.

möbel kultur: Sicherlich spielt auch das Thema Arbeitsplatzsicherheit nun eine wichtige Rolle.

Es kommen jetzt viele Dinge zusammen, die wir im Zusammenspiel noch gar nicht klar erkennen können. Was löst welchen Effekt aus? Was gerade an den Aktienmärkten passiert, erscheint wie das reinste Chaos. Wir erleben gerade einen Hurrikan, der über uns hinwegzieht und dabei kaum einen Bereich des menschlichen Miteinanders auslässt.

möbel kultur: Hat es ein vergleichbares Ereignis gegeben?

Dr. Hans-Georg Häusel: Tschernobyl hat sicher zu einer ähnlichen Verunsicherung geführt. Es kam zu Hamsterkäuen und Vorratswirtschaft. Allerdings war die Gefahr damals viel abstrakter, als es bei Corona der Fall ist. Die Gefahr ist konkreter und näher. Und es gibt Tote. Es ist schlimmer als 1986.

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