Tylko Co-Founder Benjamin Kuna

Maßmöbelanbieter im Performance-Check - II

Benjamin Kuna: "Tylko ist 2020 phasenweise um das Dreifache gewachsen"

Die Corona-Lage hat auch dazu geführt, dass die Verbraucher in den eigenen vier Wänden weniger Kompromisse eingehen wollten. So waren hochwertige und passgenaue Einrichtungslösungen stark nachgefragt. Davon konnten insbesondere Maßmöbelanbieter im Internet profitieren, sofern sie ihre Prozesse im Griff hatten. Wir haben deshalb mit den führenden Shops gesprochen, um zu erfahren, wie sie durch die Pandemie gekommen sind. Den Anfang macht Benjamin Kuna, Co-Founder von Tylko. Der Online-Pure-Player mit Sitz in Warschau ist auf Regale für jeden Zweck spezialisiert. Der Online-Konfigurator und die Tylko AR-App helfen den Kunden bei der Gestaltung.

möbel kultur: Herr Kuna, wie sind Sie mit Tylko durch das Corona-Jahr 2020 gekommen? Und wie schneiden Sie wirtschaftlich gegenüber Ihren Planungen ab?

Benjamin Kuna: Dieses Jahr hat unsere Erwartungen, wenn auch unter unglücklichen Umständen, erfreulicherweise übertroffen. Wir haben vor allem während des Lockdown eindeutig von der Verlagerung zum Online-Handel profitiert. Unser weltweiter Umsatz hat sich zwischen Januar und August 2020 im Vergleich zu 2019 fast verdreifacht, zum Jahresende hält die Wachstumstendenz an. Gleichzeitig sind die Kundenzahlen europaweit gestiegen. Und von 100 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Jahr 2019 sind wir 2020 auf 130 gewachsen.

möbel kultur: Was waren die größten Herausforderungen?

Benjamin Kuna: Der Schutz unseres Personals im Büro und in den Fabriken war oberste Priorität und Herausforderung. Wie viele andere haben wir unsere Bürotätigkeiten auf Fernarbeit umgestellt. Als ohnehin junges und digital agierendes Unternehmen konnten wir aber fast wie zuvor weiterarbeiten.

In der Fabrik wurden erhöhte Sicherheitsvorkehrungen für alle Schritte der Produktion getroffen. Abläufe und Wege wurden penibel geplant, um Abstandsregelungen und Hygienestandards einzuhalten. Ankommendes Material nahm außerdem einen Umweg über eine Art Quarantäne-Zwischenlager.

Im Materialmanagement haben wir uns rechtzeitig auf Verzögerungen in der globalen Logistik eingestellt. Benötigtes Material hatten wir für drei Monate im Voraus vorrätig – normalerweise halten wir, um Energie zu sparen und kosteneffizient zu arbeiten, unser Lager möglichst reduziert. Dank dieser Vorbereitung konnten wir die steigende Nachfrage ununterbrochen bedienen.

In dieser Ausnahmesituation zeigte sich zudem ein weiterer Vorteil unseres Geschäftsmodells: mit unserem Direct-to-Consumer-Konzept umgehen wir sonst in der Möbelbranche übliche Zwischenmänner – nicht nur in Zeiten der Pandemie reduzieren wir so Kontakte. Unsere Produkte werden auf Bestellung hergestellt und direkt aus unseren Fabriken geliefert.

möbel kultur: Wer ist Ihre Zielgruppe?

Benjamin Kuna: Tylko bietet Stauraum-Lösungen für junge Singles, Familien mit Kindern aber auch ältere Menschen, gleichermaßen für kompakte Stadtwohnungen sowie geräumige Landhäuser. 
Unsere Zielgruppe ist daher so vielseitig wie unsere Konfigurations- und Personalisierungsmöglichkeiten.

Unsere Hauptzielgruppe ist die sogenannte europäische moderne Kreativklasse, also Menschen, die mit Ideen, neuen Technologien und kreativen Inhalten arbeiten. Oft suchen diese bewusst nach Marken, die ihre Werte repräsentieren. In Anbetracht unseres Online-First-Geschäftsmodells sind unsere Käufer*innen in der Regel technisch versiert und haben Zugriff auf einen Computer und / oder ein Smartphone, mit dem sie personalisierte Regallösungen konfigurieren. Diese sind tendenziell bereit, etwas mehr für ein Produkt zu bezahlen, das den persönlichen Lebensstandards entspricht.

möbel kultur: Denken Sie, dass das Thema Maßmöbel auch im stationären Handel Fahrt aufnimmt und von großen Anbietern wie Höffner oder XXXLutz verstärkt angeboten werden könnte?

Benjamin Kuna:Schwer zu sagen. Wir haben Tylko gegründet, um die Möbelindustrie zu revolutionieren. Wir sind der festen Überzeugung, dass die bekannte Form von Massenproduktion und Einzelhandel im Möbelbereich angesichts ökologischer Dringlichkeiten sowie veränderter Kundenbedürfnisse und Lebensstile neu gedacht werden müssen.

Unsere Erfahrung zeigt, dass eine ganze Reihe von Menschen bereit ist, etwas mehr für ein Produkt zu zahlen, das wirklich zu ihrem Leben passt und lange hält. Maßgeschneiderte Möbel sind daher ein riesiger Markt mit massivem Wachstum; auch angesichts der international wachsenden Nachfrage nach nachhaltigen Produkten.

Um maßgeschneiderte Möbel auf dem Massenmarkt zugänglich zu machen, sind eine Reihe von Änderungen seitens der genannten großen Anbieter erforderlich. Unser DTC-Geschäftsmodell ist schlank und direkt. Dadurch können wir Kosten beispielsweise für Lagerflächen und Zwischenhändler reduzieren und personalisierte Möbel zu einem erschwinglichen Preis anbieten.

Ein vergleichbar schlankes Modell würde eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Hersteller, Einzelhändler und Endkunden erfordern. Technologie hat in diesem Verbund eine zentrale Rolle – und diese ist komplex in der Entwicklung. Es wäre also definitiv eine Herausforderung.

möbel kultur: Welche Marketingkanäle bespielen Sie im Wesentlichen?

Benjamin Kuna: Als digitale Direct-to-Consumer-Marke läuft unser Marketing primär ebenfalls digital, von Programmatic bis Social Media. Am wichtigsten ist am Ende aber die Performance: Wir haben eine Recommendation Rate von 13 Prozent. Unsere Kunden sind somit einer unserer wichtigsten Marketingkanäle. Das ist wegen unseres Fokus auf Qualität und Customer Experience möglich.

 

Diese Seite teilen