Rudolf Ostermann

5 Antworten zum Fachkräftemangel im Handel

Eine der großen Herausforderungen bleibt auch im neuen Jahr der Fachkräftemangel. Neben Facharbeitern in der Produktion oder Logistik werden insbesondere im Küchenhandel Verkäufer und Monteure gesucht. Als Experte für Recruiting und Personalmanagement skizziert Rudolf Ostermann im Online-Interview die aktuelle Not-Lage und gibt Hinweise zur Behebung.

1. Herr Ostermann, wie dramatisch ist die aktuelle Personalsituation, insbesondere wenn Sie an den Küchenfachhandel denken?
Rudolf Ostermann: Personalengpässe werden weithin beklagt. Diese sind einerseits strukturell geprägt, weil vor allem im überstrapazierten Mittelstand zu wenig Nachwuchs ausgebildet wird. Andererseits ist dies konjunkturell bedingt, da in Folge der Pandemie der ungewöhnliche Nachfrageschub die Kapazitäten überfordert hat. Dabei geht es sowohl um das Personal im Verkauf als auch in Auslieferung und Montage. Außerdem erleben wir einen Generationswechsel.
Die Wechselbereitschaft beim Verkaufspersonal ist allerdings tendenziell gering, da bei überwiegend voller Auslastung gut verdient wurde und Corona für Sicherheitsstreben sorgte.

2. Welche Herausforderungen gilt es zu schultern?
Rudolf Ostermann: Immer wieder geht es um Führungskräfte, d.h. Teamleiter und Erstverkäufer, die vorbildhaft arbeiten, Verantwortung übernehmen und die Zeit bekommen, um ihre Mitarbeiter:innen zu coachen bzw. weiterzuentwickeln. Denn das Markenzeichen des Fachhandels sind individuelle Beratung und qualifizierter Service. Mit diesen wesentlichen Marketing-Argumenten will und muss man sich von der preisorientierten Werbung des großflächigen Möbelhandels absetzen. Daher kommt dem qualifizierten Personal maßgebliche Bedeutung zu!
Doch die guten freien Montageteams sind meist ausgelastet und verplant. So werden nicht alle Erwartungen an die Dienstleister erfüllt. Und eine verlässliche Leistung ist teuer geworden. 

3. Welche Maßnahmen lassen sich derzeit ergreifen?
Rudolf Ostermann: Kurzfristig ist dies ganz schwer zu lösen… Jeder muss sich grundsätzlich als attraktiver Arbeitgeber positionieren. Auf die Dauer geht es um Teamorientierung, intensive Kommunikation zwischen Verkauf und Logistik, einen klaren Plan, was generelle Strategie und Sortimentsausrichtung angeht, Zuständigkeiten, Perspektiven, Einbeziehung in Entscheidungen, Erfolgserlebnisse, Fortbildung/Schulungen/Messebesuche etc. Daneben sind heute zeitgemäße Arbeitszeitmodelle, moderne Arbeitsplätze, IT und Arbeitsmittel für die komplexer werdenden Sortimente, Planungen und Installationen gefragt. Auch die vom Tagesgeschäft geforderten, inhaberbetriebenen Fachhandelsbetriebe werden sich zunehmend professioneller aufstellen müssen.
Da geht es schon sehr um eine allgemeine Betriebs- bzw. Strategieberatung, in die jeder Betrieb unbedingt seinen Einkaufsverband intensiv einbeziehen sollte.

4. Welche Tools kann der Handel nutzen?
Rudolf Ostermann: Es gilt, das Personalmarketing vor Ort zu forcieren. Dazu dienen mehr denn je Social Media, Ausbildungsangebote, die Gewinnung von Quereinsteigern und Teilzeitkräften sowie Netzwerke z. B. mit Handwerkern. Personalberater können zumeist erst oberhalb der Ebene der Verkäufer, also bei Führungskräften, mit Aussicht auf Erfolg tätig werden.

5. Wann wird sich die Lage voraussichtlich entspannen?
Rudolf Ostermann: Kurzfristig vermutlich nicht, da ein hoher Nachfrageüberhang besteht und die stabile Zahl an Baugenehmigungen auch eine weiterhin anhaltend gute Nachfrage bzw. Auslastung in 2022 erwarten lässt. Man darf jedoch auf eine Normalisierung der pandemischen Situation setzen und es wird zu einer gewissen „Delle“ aufgrund der vorgezogenen Nachfrage kommen. Dann werden die Karten neu gemischt, auch auf der Arbeitnehmerseite…

Rudolf Ostermann ist in Kooperation mit der Thaddäus Rohrer Unternehmensberatung u. a. als Personalberater aktiv (www.rohrer.de).  

Mehr zum Thema lesen Sie in Ausgabe 4/2021 von „der küchenprofi“.

 

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