Blickfang Stuttgart

21.200 Designliebhaber entdeckten viel Neugedachtes und Gutgemachtes

In Stuttgart hat es Tradition, Mitte März Wohnungstüren und Kleiderschränke zu öffnen, um Neues einziehen zu lassen. Neugedachtes und Gutgemachtes finden Besucher beim Designshopping auf der Blickfang, die vom 16. bis 18. März zum 26. Mal in der Liederhalle gastierte. 21.200 Stuttgarter nutzten die Gelegenheit, Designer kennenzulernen, beim Vortragsprogramm hinter Kulissen zu blicken und Lieblingsstücke heimzunehmen, die man sonst nirgends findet.

250 Designer verwandelten die Liederhalle in einen Schauplatz für gute Gestaltung. Trotz des Wintereinbruchs kamen 21.200 Designliebhaber zum Flanieren, Staunen und Shoppen. Mit dem Ansturm hatte mancher Aussteller nicht gerechnet: Das Label Elephbo beispielsweise, das aus kambodschanischen Betonsäcken Schuhe und Taschen fertigt, musste bereits am Sonnabend in aller Früh zurück nach Zürich reisen, um neue Ware zu holen. Überraschend war der Erfolg auch für die beiden Erstaussteller Lukas Klingsbichel aus Graz und Editru aus Stuttgart, als sie Freitagabend auf die Designpreis-Bühne gebeten wurden: Sie erhielten den Blickfang Designpreis als beste Aussteller und sicherten sich insgesamt 2.500 Euro Fördersumme der D.E.S.I.G.N Foundation. Damit ehrten die Juroren - der Designer Thomas Feichtner, Artdirektor Andres Fredes, Imnotafashionblog Gründerin Annamaria Maisto und Ave-Inhaber Stephan Kalbfell - zwei Talente, deren Arbeit weder laut noch extravagant ist - aber trotzdem, so ist die Jury sicher, noch von sich reden machen wird.

„Die Entwürfe von Lukas Klingsbichel sind zurückhaltend, intelligent und unkompliziert“, urteilt Juror Andres Fredes. „Dabei steht er noch ganz am Anfang seiner Karriere. Solches Talent ist rar." Erst 2017 gründete der Designer, dessen Lieblingsmaterial Holz ist, sein eigenes Studio, und zeigte nun im Rahmen der Sonderschau „Österreich entdecken“ erstmals seine Entwürfe. Zu ihnen gehört die formal reduzierte Beistelltischserie „Celinde“, die Farbkleckse in den Wohnraum bringt, und die „Seedling“-Leuchte, die sich wie eine Samenkapsel um die Lichtquelle öffnet.

Wohldurchdacht sind auch die Editru-Entwürfe, für die die Stuttgarterin Sarah Wendler den Blickfang Designpreis „Mode & Schmuck“ erhielt. Dass jeder Designer Auskunft darüber geben kann, woher die verwendeten Textilien stammen, und wo und wie die Stücke gefertigt werden, ist nichts Ungewöhnliches. Doch Sarah Wendler geht noch einen Schritt weiter: Ihr Anfangspunkt sind reines Garn und hochwertige Farbpigmente. In ihrem Atelier färbt sie von Hand die Fäden, und webt sie auf einer Maschine zu fein differenzierten, farbigen Flächen, die sie in ihre Kleider einarbeitet. Das Ergebnis ist nicht dem Zufall überlassen: Schon zu Beginn des Prozesses hat Wendler das fertige Gewebe im Sinn. Stephan Kalbfell, der in seiner Boutique Ave bedeutende Modemarken führt, sieht in Editru großes Potenzial: „Editru fertigt ‚Fashion of the Future‘." Jedes Kleid könne eine Überraschung sein - und trotzdem erkenne man die Handschrift von Sarah Wendler. „Ihre Arbeit ist ein fortlaufendes Experiment, in dem man trotzdem eine klare Linie sieht. Wenn sie ihren Weg fortsetzt, kann sie weit kommen,“ ist auch Co-Kuror Thomas Feichtner überzeugt.

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