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"Rudolf Stingel. LIVE" in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Foto: David von Becker
01.07.2010 08:45 Uhr

Neue Nationalgalerie BerlinDesign-Teppich manipuliert Bauhaus-Architektur.

1968 wurde in Berlin die Neue Nationalgalerie eröffnet. Erbaut vom ehemaligen Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe wurde der beispiellose, offene Universalraum bald weltweit als Ikone der modernen Architektur gefeiert: Der "lichte Tempel aus Glas" beherbergt europäische Malerei und Plastik des 20. Jahrhunderts von der Klassischen Mo-derne bis zur Kunst der 1960er Jahre. Darunter befinden sich Arbeiten von Künstlern wie Munch, Kirchner, Klee, Dix und Picasso.

Noch bis zum 22. August 2010 zeigt die Neue Nationalgalerie nun ein provozierendes Werk des in New York lebenden Künstlers Rudolf Stingel, der sich in einer ortspezifischen Arbeit mit der Architektur Mies van der Rohes auseinandersetzt. Entgegen der Klarheit und Prägnanz der Bauhaus-Tradition inszeniert Stingel eine "Wohnkultur", die zum Sitzen und Liegen in der großen Halle einlädt. Und dabei besteht seine Installation nur aus einem üppigen Kristallleuchter sowie einem individuell gestalteten Teppichboden.
[page_break]Der 1956 in Südtirol geborene Stingel hat den Granitboden mit einem 50 x 50 m großen Teppichboden von HTW Design Carpet - einem führenden Anbieter von individuell bedruckten Gastronomie- und Hotellerie-Teppichböden - auslegen lassen. Das Teppichdesign des temporären Kunstwerks orientiert sich an einem original indischen Agra-Teppich, den der Künstler besitzt. Im Orient gehören Agra-Teppiche bis heute zu den markanten Kennzeichen bürgerlichen Wohnens und harmonieren mit vielen Einrichtungsstilen.

Nach Stingels Vorgaben haben die Textildesigner von HTW Design Carpet die opulenten Farben des Originals in Schwarz-Weiß- und Grautöne übersetzt, extrem vergrößert und in der eigenen Teppichboden-Produktion vielfach auf 400 cm breiten Heatset-Velours DC 1390 mit 1.400 Gramm Poleinsatzgewicht gedruckt. Das entstandene, schier unendliche Muster macht aus dem "Tempel der Moderne" eine orientalisch geprägte "Kultstätte". Mit dem indisch-persischen Dekor verliert die Architektur der formalen Reduktion ihre Strenge, zu der sich die Künstler des Bauhauses ehemals bewusst bekannt hatten.

Als Partner des ironisch-provokanten Effektes, der bewusst nicht aus der Malerei entsteht, sondern als maschinelle Teppichboden-Produktion zu erkennen ist, konnte Rudolf Stingel Dr. Ralf Litzenberg von den Halbmond Teppichwerken und Joachim Rauwolf von HTW Design Carpet gewinnen. Dank deren Chromojet-Technologie konnte der Künstler seine "erweiterter Malerei" mit raffiniert changie-renden Grauwerten und grafischen Mustern erstmals auf einem Teppichboden umsetzen.